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Einige Bemerkungen zur Kunst von Simon Goritschnig

(Anm.: Der Text entstand anlässlich der Ausstellungseröffnung 2019 in der Stadtgalerie Klagenfurt. www.simongoritschnig.com)

Der erste meinem literarischen Ethos entsprechende Grundsatz ist es, niemals von mir selbst zu sprechen: Zu groß ist die Gefahr einer Nabelschau, einer autobiografisch-feinfühlig-kitschigen Selbstbetrachtung. Vielleicht kann ich mich an dieser Stelle durch die Ankündigung retten, dass ich ja eigentlich nicht von mir sondern von Simon Goritschnig sprechen werde – aber es ist doch keine allzu überzeugende Ausflucht Lassen Sie mich erklären: Als ich Simon Goritschnig vor fünf Jahren kennen lernte, befand ich mich in einer Schaffenskrise. Es war die Krise, in der sich jeder Künstler einmal befinden muss: Jene, in der man zwischen Markt und Herz, zwischen der Angst vor der Zukunft und der vollkommenen Sinnentleerung mäandert.
Ich hatte Simon unbekannterweise auf einen Kaffee in seinem Atelier getroffen, nachdem wir über eine meiner Einreichungen für das damals von ihm verlegte 77er-Magazin unsere gegenseitige digitale Bewunderung für das Werk des anderen ausgesprochen hatten. Aus irgendeinem Grund war meine Zeit an diesem Tag knapp: Doch nach diesen zwei Stunden, wusste ich, dass uns eine lebenslange Freundschaft und künstlerische Zusammenarbeit verbinden würde, ja müsste. Ein Satz, den er sagte, hatte mich besonders berührt: Er würde meine Texte sowieso illustrieren, auch wenn es sich finanziell nicht lohne – Kunst müsse man einfach trotzdem machen. Kunst bedeutete ihm alles, aber das hieß noch lange nicht, dass es das Ende sein musste, wenn sich einmal alles gegen einen wandte. Als er mich durch sein Atelier führte, das zwischen Kuriositätenkabinett (Tierschädel, Rubikwürfel und alte Apothekergefäße) und den Zeugnissen harter, handwerklicher Übung changierte, wusste ich, dass uns gemeinsam etwas überaus Interessantes gelingen könnte.

Sie müssen wissen: Simon Goritschnig spricht Visualität auf die selbe Art, wie Sie und ich Deutsch sprechen: Der Stift ist eine organische Extension seines eigenen Körpers. Er kann in eine Konversation versunken zeichnen, als würden die unbewussten Strukturen seines Hirns sich somnambul den Weg nach außen bahnen, und es steht noch aus, dass ich jemals auf ein Computerprogramm stoße, dem er nicht nach wenigen Tagen laterna-magica-artige Illuminationen entlocken könnte. Wenn die Welt der Patient wäre, so hielte Simon Goritschnig die bildgebenden Verfahren für ihn bereit: Organische Welten, die einander überlappend ins Gleiten bringen, werden sichtbar – Fraktale, die die Bausteine des Universums kenntlich werden lassemn. Schnittbilder des Lebendigen, die sich zu einem heterogenen und doch stimmigen Werk sortieren lassen. Im Gegensatz zu diesen diagnostischen Verfahren aber fällt Simon Goritschnig kein Urteil über sie: Seine Kunst bleibt offen, unzynisch und befeuert von einer Art von kindlichem, unverurteilendem Entdeckerdrang, der den meisten Menschen irgendwann abhanden kommt. Können wir dreidimensionale Avatare unserer Körper machen? Kann man einen Roboter programmieren, der für einen zeichnet? Können wir auf Röhrenbildschirmen Wärmebilder des Publikums projizieren, während dieses unsere Performances beobachtet?

Geeint durch diesen Entdeckerdrang beschlossen wir an Ort und Stelle, gemeinsam zu arbeiten: Ich würde ihm meine sukkzessive ensthenden Texte zur sprachlichen Natur des Universums schicken und er würde sie mit Zeichnugnen ergänzen- dass daraus ein Buch werden würde, wussten wir in dieser Phase noch nicht. Die Arbeit ging leicht, geradwezu automatisch von der Hand: Normalerweise bin ich es gewohnt, dass ich, um anderen Menschen meine Gedanken nahe zu bringen, Mühe investieren muss, die einer Art körperlicher Anstrengung gleicht: Einen Stein einen Berg hochzuschieben, der deshalb so schwer wiegt weil man die Welt anders sieht. Simons Verstand hingegen war leichtgängig – ich musste kaum an ihn rühren, da kam seine Imagination schon im Bewegung und antwortete mir mit nicht minder ausladenden Bewegungen. Trifft man auf einen solchen Menschen, wird die Welt magisch: Dass wir Essays zur Höhlenmalerei austauschten und unzählige Stunden an den Schriftarten der Texte feilten, dass wir kleine visuelle Hooks als Wurmlöcher in die Seiten montierten war ebenso Teil des Prozesses wie eines Nachts in einem leerstehenden Hotel einen Kurzfilm über den Kant-Kongress in einer Parelleldimension zu drehen oder gemeinsam kolossale Videospielwelten zu erkunden.

Ich schrieb mein erstes Buch, Entdecker, in drei Monaten fertig. Es war ein Buch, das auf einer wahnsinnigen Selbstübersteigerung, einer irrsinnigen Prämisse beruht: Die Welt besteht aus Sprache. Zitat Anfang: Meine Intention dabei lautet, Ihre Sprachzentren zu bombardieren wie die Mauern von Jericho; ergo unter Trompetenstößen den Hypothalamus hinwegfegend derartige Silben-Salven von mir zu geben, dass das Broca Areal von innen an Ihrer Schädeldecke kleben bleibt, heißt es in der Vorrede und mit weniger hätten Simon und ich uns nicht zufriedengegeben. Entdecker ist wie unsere Freundschaft: Größenwahnsinnig, verspielt, absurd und von der Verletzlichkeit geprägt, die notwendigerweise daraus resultiert, wenn man der Welt erlaubt, einen anzurühren. Simon Goritschnigs damaliges Werk war geprägt von einem ästhetischen Programm, dass ich am ehesten mit „Isomorphie“ – der Formähnlichkeit zwischen weit auseinanderliegenden Gebieten – betiteln würde. „Das Selbstorganisierte“, schrieb ich damals über seine Arbeit. „Da wuchert Wurzelwerk und dort entschälen sich Gesteinsschichten -- da dividieren sich Knochen und Eiweißverbindungen auseinander. Das Thema seiner Diplomausstellung ist dabei "Alles ist verbunden" -- ein Motto unter welchem er Ähnlichkeiten und Anknüpfungspunkte aller Organismen, von Naturprozessen, von Denkstrukturen, Ereignissen und Kompositionsprinzipien im weitesten Sinne untersucht.“

Heute geht es in Simon Goritschnigs Werk noch immer um Autopoiesis, doch mehr nach innen gedacht: Der Körper und seine Funktionen werden zum Ausgang visueller Forschungsreisen, die in die entlegensten Orte des Kosmos führen. Konfrontiert mit der unendlichen Komplexität des Lebens, bleiben Schablonen, pattern recognitions, an denen wir diese Mannigfaltigkeit dann doch als das überführen können, was sie ist: Verbindung, Mikro- und Makrokosmos, die Welt an meiner statt. Wir beide teilen uns dabei eine Dilemma, die schon in Entdecker zu Tragen kam: Ich denke nach über Sprache doch IN Sprache – er zeichnet den Körper, doch eben mit seinem Körper als irreduziblem Ausgangspunkt. Und wie soll man da je zu einem Ergebnis kommen? Wir sehen riesige Kohlenstoffgitter durch die organische Irregularität sich den Weg bahnt – erleben Zellen, die sich selbstordnend bis in die Unendlichkeit fortpflanzen, lernen kleine Muster ins Große einzuordnen und gleich darauf das Kolossale ins Kleinteilige zerfallen zu sehen. Die elementarsten Geheimnisse des Universums sind in uns schon angelegt und wir von ihm deswegen ununterscheidbar. Simons Goritschnigs werk zeigt, dass wir in die Welt hineinverlaufen wie ein graduierter Farbfleck. Noch ein Zitat aus meinem Werkessay über seine Bildsprache: „Und ist das nicht ismorph zur berühmten Illustration des Ernst Mach-Textes? Der eigene Körper, gesehen aus der Egoperspektive, auf dem kein Kopf mehr zu sehen ist, mit Ausnahme der Nase, einer Augenbraue, der Andeutung einer Wange, die das ganze Bild irritierend schief im Weißen verlaufen lassen?“ Mitten in der Welt zu sein, und zu begreifen, dass man die Welt anstatt des Kopfes trägt, oder andersherum gedacht: Dass der Mikrokosmos des eigenen Körpers schon alles enthält, was das Universum antreibt – mit nahtlosen Übergängen zwischen digitalen Technologien und seiner eigenen, unverwechselbaren zeichnerischen Handschrift. Dass CT-Bilder und XBOX Kinect, Holzmaterialien, Zeichenroboter und im Wald gefundene Knochen miteinander in Dialog treten, ist maßgeblich: Simon würde zwar wahrscheinlich bestreiten, die Position des heutigen Menschen zwischen Technologie und Natur zu thematisieren, doch schwingt sie, quasi automatisiert mit. Und was, wenn man seine Poetik konstant zuende führt, ist Technik auch anderes als Artefakt, Erweiterung des Körpers, die sich genauso zur Introspektion nützen lässt?

Nichts, dass für ihn zu einfach sein könnte – und gleichzeitig nichts was ihn in seiner Komplexität entmutigen könnte: Unser nächstes gemeinsames Projekt heißt Weltformel und will nichts Geringeres, als die Ergründung aller noch unbeantworten Fragen der Menschheit. Das umfasst das Banale wie das Abstrakte, die Frage nach der Quantensphäre ebenso wie die, warum wir Mindmaps als Fraktale zeichnen oder wie man Wein dekandiert. Non coerceri maximo, contineri minimo, divinum est – Vom Größten nicht eingeschränkt, vom Kleinen gehalten zu werden, ist göttlich, heißt es bei Hölderlin. Ich fühle mich geehrt am heutigen Abend eine Rede über einen Künstler zu dürfen, der sich nicht vor der Aufgabe fürchtet, der Vielfalt der Welt mit ästhetischen Mitteln zu begegnen, und mehr noch – über einen Kollegen, der diese Konfrontation immer wieder mit mir gemeinsam unternimmt. Sie müssen verzeihen, aber ich habe es angekündigt: Von Simon Goritschnig zu sprechen, ohne von Freundschaft zu sprechen ist für mich unmöglich. Mehr noch: von seiner besonderen Art von Kunst zu sprechen, ohne das Phänomen der innigen Verbindung zu thematisieren ist es gleichfalls. Er betreibt eine Kunst, die den Vereinzelungswahn und die kleinkarierte Egomanie dieses Jahrhunderts sprengt, indem sie mehr will _ conditia humana sein, einen connex schaffen, zwischen Phänomenen, Blicken, zwischen Menschen und den anderen Lebewesen dieser parzellierten, unfassbar reichen Schöpfung. Spiegeln Sie sich – und dringen Sie mit Simon Goritschnigs Werken in den komplexen Organismus, den wir das Universum nennen.